Der Puls rast, die Bergschuhe suchen auf dem nassen Felsen halt. Um uns herum peitscht der Wind den Regen waagerecht durch die Luft, während der Nebel die Sicht auf wenige Meter zusammenschrumpfen lässt. Wir befinden uns mitten im Ötztaler Geigenkamm – und die Berge fordern uns alles ab.
Dabei beginnt alles so friedlich. Es ist der frühe Morgen des 2. Juli, als unsere siebenköpfige Truppe des „12ers“ voller Vorfreude ins Ötztal aufbricht. Mit an Bord sind Emily H., Ute K., Gerlinde H., Gerhard L., Volker F., Uwe W. und Dieter H.
Das Sommerwetter in Östen bei Umhausen ist perfekt, die Stimmung euphorisch. Doch die Wildnis stellt uns sofort auf die Probe: Die Brücke, die uns über den reißenden Fluss bringen soll, existiert nicht mehr. Vor wenigen Tagen durch einen Murenabgang weggerissen. Ein Moment des Zögerns? Nicht bei uns. Unser Credo lautet: „Es gibt immer einen Weg!“ Über eine Alternativroute steigen wir in das wilde Fundustal. 1.200 harte Höhenmeter brennen in den Waden. Erst als wir nach einem kurzen Boxenstopp auf der Hinteren Fundusalm (1.964 m) die Frischmannhütte auf 2.192 Metern erreichen, weicht die Anspannung. Die Hütte liegt idyllisch in einem alpinen Hochtalkessel mit gewaltigem Panoramablick bis zur Zugspitze – und als offizielles „Genussplatzl“ im Ötztal belohnt sie dich nach der Tour mit ehrlichen Tiroler Köstlichkeiten. Die herzliche Wärme der Hüttenwirte und ein deftiges Abendessen rundeten den ersten Tag perfekt ab.
Der Tag des Schmerzes: Nebel, Seile und eisige Nässe
Am nächsten Morgen zerschmettert die Realität der Alpen die Wettervorhersage. Der Sommer ist weg. Statt Sonnenschein empfängt uns eine Wand aus Wind, Kälte und dichtem, grauem Nebel. Wir ziehen die Kapuzen tief ins Gesicht, krallen die Hände in die Wanderstöcke und marschieren los. Das Ziel: die Ludwigsburger Hütte.
Diese Etappe verzeiht keine Fehler. Der Geigenkamm zeigt seine Zähne. Plötzlich tauchen sie aus dem Nichts auf: seil- und kettenversicherte Passagen. Der Fels ist rutschig, jeder Schritt fordert höchste Konzentration und muss absolut sitzen.
Emily H., Ute K. und Gerlinde H. beweisen an den Ketten eiserne Nerven, während Gerhard, Volker, Uwe und Dieter Schritt für Schritt die Gruppe sicher durch die Schlüsselstellen navigieren. Die Tiefe unter uns ist im Nebel nur zu erahnen, was die Nerven zusätzlich anspannt. Fünf Stunden lang kämpfen wir uns durch endlose Auf- und Abstiege, die Kleidung ist längst klamm, die Finger steif vor Kälte. Als wir abgekämpft und durchnässt die Ludwigsburger Hütte (1.934 m) erreichen, geschieht das Wunder: Die Wolkendecke reißt auf. Während die Sonne brennt, die Ausrüstung trocknet und die Bierlaune steigt, feiern wir ausgelassen unseren verdienten Etappensieg. Die Hütte liegt an einer idyllischen Waldwiese, knapp unterhalb der Baumgrenze. Von den zwei großen Terrassen bietet sich ein spektakulärer Blick auf die gegenüberliegende, vergletscherte Bergkette des Kaunergrates (inklusive der mächtigen Rofelewand)
Am Grat der Giganten: Der Wildgrat ruft
Der dritte Tag entschädigt uns für alle Qualen. Strahlender Sonnenschein flutet die Gipfel. Vor uns liegt die Königsetappe zur Erlanger Hütte (2.550m). Zuerst geht’s steil bergauf, bezwingen den Hohen Gemeindekopf auf 2.771 Metern und rutschen im Abstieg über glitzernde Schneefelder hinab zum Kugleter See.
Doch die eigentliche Herausforderung wartet noch auf uns: der Wildgrat mit seinen 2.971m ist zu überschreiten. Ein anspruchsvoller alpiner Steig, der absolute Konzentration erfordert liegt vor uns. Der Schweiß rinnt, der Atem geht stoßweise, Schritt für Schritt, teilweise unter Zuhilfenahme der Hände, kraxeln wir am nackten Fels nach oben. Und dann stehen wir am Gipfelkreuz……der Ausblick raubt uns den Atem: Ein monumentales 360-Grad-Panorama über das Ötztal, Pitztal und Inntal liegt uns zu Füßen. Wir haben es geschafft! Der anschließende steile Abstieg zur Erlanger Hütte am malerischen Wettersee wird zum puren Vergnügen – beflügelt vom Gipfelglück zeigen Emily, Ute, Volker und Gerhard vollen Körpereinsatz im ewigen Eis und bauen unterwegs einen kleinen Schneemann, der als Gruß des „12ers“ in den Bergen zurückbleibt. Direkt an einem tiefblauen Bergsee auf fast 2.550 Metern gelegen, besticht die Erlanger Hütte als echter Geheimtipp mit ihrer urigen Gemütlichkeit und einem absolut spektakulären Logenplatz-Blick auf die Ötztaler Bergwelt.
Das Finale im Tal
Am vierten Tag fordert der Geigenkamm uns ein letztes Mal: 1.500 Höhenmeter knieharte Kniearbeit im Abstieg nach Umhausen liegen vor uns. Elf Kilometer, die sich ziehen, doch das Wetter hält. Als wir am frühen Nachmittag endlich den Talboden betreten, sind wir erschöpft, aber erfüllt von einem unbeschreiblichen Gefühl des Stolzes.
Hinter uns liegen 41 Kilometer, unglaubliche 4.385 Höhenmeter und ein Wechselbad der Gefühle. Wir kehren mit einem gigantischen Abenteuer im Gepäck und als eingeschworene Gemeinschaft zurück nach Waghäusel.
Danke an Dieter, der diese Tour wie jedes Jahr perfekt organisiert und uns ein unvergessliches Highlight geschenkt hat!
Fotos: Dieter Hellmann
